Blogblick. Der Psychoterror gegen Andrej Holm und seine Familie geht mir näher als mir lieb ist.

Andrej ist nur ein paar Jahre jünger als ich, er lebt mit Kindern und Freundin zusammen, ganz hier in der Nähe. Dazu kommt: Stadtentwicklung war immer das zentrale Thema meiner Lieblingszeitung. Andrej schreibt für die Zeitschrift der Berliner Mietergemeinschaft, in der ich seit vielen Jahren Mitglied bin. Er schreibt für den Telegraph, den ich abonniert habe und den ich schon kannte, als er noch "Umweltblätter" hieß. Unsere politischen Ansichten dürften sich also in manchem treffen, oder, wie es die Neue Zürcher Zeitung formulierte: Sie alle eint die Überzeugung, dass nicht die Misswirtschaft das wirklich schlimme an der DDR war, sondern ihr Verrat an der Idee des Sozialismus.

Dann lese ich, dass Andrej und "Annalist" sich im Acud Ostpunk angesehen haben. Einen der Macher des Films kenne ich aus Ost-Zeiten. Einmal hat er mich auch in West-Berlin angerufen. Worum es ging? Steht in meiner Stasi-Akte (Unterstreichungen wie im Original):

Im Rahmen der operativen Arbeit wurden zuverlässig Hinweise zu einem namentlich nicht bekannt gewordenen DDR-Bürger erarbeitet, der Kontakte zu dem

[mein Name mein Geburtsdatum meine Adresse in West-Berlin meine Telefonnummer]

unterhält.

Dieser DDR-Bürger strebt ein Treffen mit dem B. an, welcher diesem Wunsch gegenüber nicht abgeneigt ist. Der noch zu vereinbarende Trefftermin soll auf postalischem Wege festgelegt werden.

Der DDR-Bürger, welcher sich mit "[Spitzname]" meldete, teilte zu diesem Zweck seine Adresse mit, wo er seit fast einem Jahr wohnhaft sein soll.

Diese Adresse lautet

[seine Adresse in Ost-Berlin]

Bemerkung: Bei Auswertung der Information ist Quellenschutz erforderlich.

Glossar: "im Rahmen der operativen Arbeit" -> das Telefon wird abgehört "zuverlässig" -> wir hören es selbst ab "Quellenschutz erforderlich" -> bitte nicht weitersagen, dass wir es abhören

Die vielen Unterstreichungen geben ein schönes Bild von dem Menschen, der die kurze Notiz verfasst hat. Er markiert jedes zweite Wort. Das demonstriert Beflissenheit und führt zugleich den Zweck der Markierungen ad absurdum. Neunzigtausend solcher Menschen, die jeden Tag Hunderttausende Notizen auf der Schreibmaschine tippten und anschließend von Hand, aber mit Hilfe eines Lineals unter jedes zweite Wort eine Linie zogen: Das war der Staatssicherheitsdienst der DDR.

Ich hätte ja nur zwei Wörter unterstrichen: "nicht abgeneigt".

Ich wünsche mir, dass Andrej und seine Freundin bald die Protokolle ihrer abgehörten Gespräche lesen können.