eier, erbsen, schleim & zeug

Freitag, 26. Oktober 2007
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Robert Weber hat einen Text geschrieben, in dem er die letzten Tage von Michael Stein beschreibt. Heiko Werning hat den Text in sein Blog gestellt.

Wahrscheinlich stehen die meisten unserer Veranstaltungen diese Woche im Zeichen dieses elenden Todes. Bei Heikos Buchvorstellung gestern war es so, bei den Surfpoeten natürlich auch, bei der Reformbühne am Sonntag wird es nicht anders sein. Die Freunde und Kollegen kommen zusammen, erzählen, betrinken sich, heulen und reißen böse Witze darüber, wie man den Leichnam von da hinten aus der Wallachei schnell heim nach Berlin bekommt. Zur Todesstunde früh um drei springt einer schreiend auf und wieder nieder und haut die Stirn auf den Tisch und die Fäuste hinterher.

Ich glaube, er war bei den Kollegen beliebter als im Publikum.

Wenn etwas beim Publikum zu gut ankam, hörte er damit auf. Der Erfolg war ihm verdächtig, jedenfalls wenn er selbst ihn hatte.
Er verprellte mit steilen Thesen, rassistisch, sexistisch, antisemitisch. Speaker's Corner.

Der Schoko-Laden verhängte ein Hausverbot gegen ihn. Wir verlängerten das Mikrofonkabel und reichten das Mikro zum Fenster hinaus. Draußen auf dem Gehweg stand Stein, die Nase am Fenster, und predigte.

Gewalt als beschleunigter Dialog.
"Einer von uns beiden ist zu viel in dieser Stadt. Geh du!" - "Nein, ich!"

Roter Stern Bethlehem. Eine Vorstellung am ersten Weihnachtsfeiertag im Hoftheater in Kreuzberg, Anfang der Neunziger.

Manchmal kam er einfach nicht zur Vorstellung. Oft. Er war der einzige Kollege, dem man das verzieh. Man freute sich, wenn er doch kam.

Beim Benno-Ohnesorg-Theater las er aus einem Buch über den Aufstand in Sobibor oder Auschwitz oder Treblinka. Er erläuterte, er blätterte vor, zurück, las weiter. Nix mit 'ptsache lustick. Er las zehn Minuten, las eine viertel Stunde. Lustig war es auch nicht. Stein las zwanzig Minuten. Zuschauer gingen aus dem Saal. Stein las eine halbe Stunde, der Saal leerte sich. Droste saß ungläubig grinsend daneben und mischte sich nicht ein.
Auflehnung. Sich nicht zum willfährigen Idioten machen lassen. Der Kampf gegen die Scheinwelt. Kein Entertainment mit bewährten Maschen. Auch dafür liebten ihn die Kollegen.

Liga für Kampf und Freizeit.
Gebet gegen die Arbeit. Du, die du uns Elend bringst und Not. Du-di-du-u. Verflucht seist du, verflucht usw.
Am Ende der Aufnahme keckert er und sagt: "Schön!"

Seine Radikalität färbte ab. Ein Biedermann, der mit ihm auftrat, war einen Abend lang kein Biedermann.

Das Wochenende an dem er 48 Stunden auf Pilzen war. Am Sonntag Morgen hatte er die Öffnung der Kirche abgewartet, war im Gottesdienst gewesen, hatte mit Kirchgängern und mit dem Pastor gesprochen. Am Abend erzählte er davon auf der Bühne. Seine Fragen an den Glauben, an die Kollegen und an das Publikum.

Sein Werk. Fünf Geschichten im Salbader, ein paar Texte in der Taz, vor Jahren. Einmal lieh ich ihm fünfzig Mark unter der Bedingung, dass er einen Text rausrückt. Ich bekam den Zettel, er den Schein. Das war der erste honorierte Salbader-Text.

Michael Stein: Meine Höhepunkte 90/91
Was sozial Sinnvolles
Mike Hummer - Der Mann mit dem Kopf wie'n Brett
Als ich ein Genie wurde
Ich bin ein Künstler

Er war eigentlich immer da, seit bald zwanzig Jahren. Er war mir näher als ich ihm.

Zwei Videos: Baustelle Mensch. Krankenaus später.

Am Sonntag werden wir wieder zusammenkommen, werden erzählen, werden uns betrinken, heulen und böse Witze reißen. Der Eintritt wird dafür verwendet werden, die Überreste von da hinten aus der Wallachei schnell nach Berlin zu bekommen. Zur Todesstunde früh um drei werden wir schreien und aufspringen und uns wieder auf die Stühle fallen lassen und die Stirn auf den Tisch hauen und vielleicht, wenn wir nicht zu müde sind, die Fäuste hinterher.



[update 26. Oktober 07 (um 14 uhr nochwas)]

Michael Stein hat nicht viel Materielles hinterlassen. Also haben wir uns vorgenommen, die Welt mit Erinnerungen und Nachrufen zu pflastern. Man soll in zwanzig Jahren ruhig sagen: So einer wird nicht alt. Aber niemand soll sagen: So einen hat es nie gegeben.

Ich fang mal an zu sammeln. Weitere Links bitte einfach in die Kommentare.

Robert Weber über Michaels letzte Tage

Falko Hennigs Nachruf in der Berliner Zeitung

Dr. Seltsam in der Jungen Welt

Volker Strübing: Lieber Michael

Tristan Steinweg: Mitteilungsbedürfnis in Sachen Erinnerungen

Ohrenflimmern: RIP Michael Stein

Frida: Ich bin Buddhist und Sie sind eine Illusion

Verlagsblog Voland & Quist: Michael Stein

Julius Fischer (Saxroyal): Michael Stein ist tot!

Jochen Reinecke (Zeit-Blog): Michael Stein ist tot



[update 30. Oktober 07 (um 11 uhr nochwas)]

kapuziner hat am 2. Mai 2007 bei der Weltchronik im Kino Babylon ein paar Fotos gemacht (Michael Stein, Falko Hennig, Jochen Schmidt).
Sie schreibt dazu in einer Mail: "nur wenig publikum. ich probierte neue kamera aus. merkwürdig, wie viele menschen, die ihn kaum oder gar nicht kannten, an ihn denken."

Schröder erzählt, wie er 1993 zu Gast war bei der letzten gemeinsamen Radiosendung von Droste und Stein. Stein auf Koks: "Ist Steffen Heitmann irgendwessen Inkarnation, irgendwessen Wiedergänger? Und kann sich die BRD überhaupt einen Bundespräsidenten leisten, der kein Kriegsverbrecher war? Wenn ja, wie soll er heißen?"

Heikos Nachruf, den er am Sonntag in der Reformbühne gelesen hat:
Er schien mehr ein irrlichterndes Moment der Reformbühne zu sein als ein regulärer Mitwirkender, einer, für den keine Regeln galten, von dem keiner wusste, ob er an dem Abend kam oder nicht, es schien auch niemand groß zu kümmern. Der seinen Auftritt vor der Pause hatte, weil, so die anderen, „nach Stein eh niemand mehr etwas machen könne“.

Heiko hat auch den Kabelsalbader vom Freitag (26.10) und die Gästebuch-Einträge von der Reformbühne am Sonntag (28.10.) in sein Blog gestellt: Ich werde mit dir weitertanzen, Stein.

Im Fan-Forum des BFC Dynamo schreibt Lt. Surf:
Micha, eingefleischter Neuköllner, fand in den 90er Jahren u.a. durch Ahne und Gläser zu seinem Verein.
"Mit Dir würde ich sogar zu nem BFC-Spiel gehen!" war ein ziemlich großes Lob von ihm.


Thilo Bock:
Und so ist es nicht unbedingt die tagesaktuelle Agitation, mit der er in meiner Erinnerung bleiben wird, es sind seine Zaubertricks und jene - auch von den meisten Kollegen - als grenzwertig empfundene Jongliernummer mit Klobürsten, die er angeblich gerade zuvor in den Klos eingesammelt hatte.

Frank Sorge:
Ein paar Tage nach meinem ersten Reformbühnenauftritt als Judith Hermann (Termintausch) ist mir Stein mal auf dem Bürgersteig an der Brunnenstraße entgegengekommen. Ich grüßte und er sortierte mich irgendwie an die richtige Stelle, wir waren aber beide so stoned, daß wir eine Weile in einem kuriosen und zunehmend lustigen Linksschritt-Rechtschritt voreinander hertanzten und nicht aneinander vorbeikamen.

Das Hauptstadtblog: Da ist jemand gegangen, der nun sehr fehlen wird.



[update 30. Oktober 07 (um 14 uhr nochwas)]

Daniela Böhle und Falko Hennig haben mir die Texte geschickt, die sie am Sonntag in der Reformbühne vorgelesen haben. (Vielen Dank!)

Falko Hennig: Wie Stein einmal fast überführt worden wäre

Daniela Böhle: Auftritt in Amsterdam



[update 31. Oktober 07 (um 11 uhr nochwas)]

Klaus Nothnagel hat ein paar Erinnerungen aufgeschrieben (Danke!):
Mit Stein unterwegs in einem untergehenden Staat
Er wolle ihre kommunistische Weltsicht nicht ins Wanken bringen, sagte Stein zu der kichernden Frau, aber er müsse ihr jetzt kurz etwas stark Christliches demonstrieren, er könne nämlich auf dem Wasser gehen, genau wie der damals, ganz genau.

Bong Boeldicke:
Und dann kommt der Hammer ... Letzte Gespräche mit Michael Stein
Stein raucht Homegrown, was bei mir nicht mehr wirkt, und erwähnt beiläufig, dass er möglicherweise todkrank sei. Danach sein kurzer Auftritt. Er erzählt von sogenanntem Popelkrebs, den man sich holen könne, wenn man unter die Sitzbänke greife. Außerdem habe Tarzan, seit längerem mit offener TBC unterwegs, den ganzen Laden mit TBC-Bakterien infiziert, das Sterben sei also nur noch eine Frage der Zeit.



[update 19. November 07]

Volker Strübing, Kloß und Spinne - Teil 9: "Lasset uns beten, wie Michael Stein es uns gelehrt hat ." Im Abspann Michael Stein am 2. Mai (Kampftag der Arbeitslosen) bei der Agitation vor den Schön-schöner-Schönhauser-Allee-Arkaden. Franz Dobler: Der Tod hat mal wieder sozusagen in Spürweite gearbeitet.

Dr. Seltsam (II): Der solidarische Prolet, der aus seiner Klasse »aussteigt«, weil er spürt, daß er unter der Arbeit kaputtgeht, der aber nicht opportunistisch »aufsteigt« wie viele linke Parteikader und Gewerkschaftsfunktionäre, sondern mit seinem roten Haß eine Gesellschaft verflucht, die freie Menschen unter das Fabrikjoch zwingt.

Thirdlife: Mehr Stein als Schein.

Wolf Hogekamp: er war mitverantwortlich fuer die kreative brut.

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schönes denkmal.
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Ich Dich auch.
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;-)
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brüller. stimmt.
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