eier, erbsen, schleim & zeug

Freitag, 16. Juni 2006
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1) Was macht das Phänomen Blogs für Dich aus?

ein blog kann sich seine eigene zeit leisten. ob ein thema, eine haltung, eine form "durch" ist oder "hot" oder "noch zu früh", muss in einem blog keine rolle spielen.

ein blog muss seine texte nicht anmoderieren; es muss nicht vorab erklären, worauf ein text sich bezieht. (das ist etwas, was ich als journalist und redakteur musste und gelegentlich auf der bühne immer noch muss. das kann sehr nerven, weil es zu oft den dümmstmöglichen rezipienten voraussetzt.)

ein blog muss nicht kohärent sein und keinen erwartungen entsprechen. es kann sich jetzt mit irgendwelchen feuilletondebatten oder fußball befassen, gleich mit einem mathematischen problem und nachher mit kochrezepten oder kinderkacke; jetzt sarkastisch sein, gleich sachlich, und nachher kann es in einer unverständlichen privatsprache abgefasst sein; j. ausufernde geschichten bringen, g. nur noch zitate aus büchern, n. aphorismen; buchstaben, bilder, links, nichts.

2) Was ist das Spezielle an der deutschsprachigen Blogosphäre?

sie ist deutschsprachig, isn't she?

3) Wie könnten Blogs zu einem Wirtschaftsfaktor werden?

das sollen die wirtschaftsfaktornasen mal schön alleine rausfinden. (am besten, sie kaufen sich eins von diesen wirtschaftsfaktorbüchern irgendwelcher hochstapler topchecker mit voll dem versammelten wirtschaftsfaktorwissen, in denen all die "erfolgreichen wirtschaftskonzepte" und "innovativen faktoransätze" zum nachwirtschaften drinstehen.)

4) Ist Dein Blog für Dich beruflich relevant, und wenn ja, wie?

ja, nein, manchmal.

ja: jedes schreiben ist relevant, und wie ich im blog schreibe, beeinflusst natürlich mein anderes schreiben.

nein: ein brauchbarer text muss durch zwei zeiten der latenz: die von der ersten idee bis zum ersten aufschreiben und die zwischen erstem aufschreiben und öffentlich machen. ein text, der zu schnell öffentlich gemacht wird, ist für immer verdorben.

manchmal: für manche der kabarettistischen texte dient mein weblog als zettel-, d. h. als erinnerungs-, formulierungs- und pointenkasten.

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das waren meine antworten:

1) Was macht das Phänomen Blogs für Sie aus?

[a.] Weblogs sind die Verwirklichung einer nun schon sehr betagten politischen Utopie: Jeder soll sagen können, was er sagen will; und jeder soll es mitbekommen können. [b.] Wie bei jeder verwirklichten Utopie merkt man, dass das Glück nicht ohne neues Unglück daherkommt. Jetzt weiß man noch besser als vorher, wieviel Unsinn in den Gehirnen brütet, auch im eigenen. Und keiner hält es aus, sich von einer Million Leuten anquatschen zu lassen. [c.] Im Lauf der Jahre hat man ein paar Endlos-Texte, die jeden Tag noch endloser werden, so gut kennen gelernt, dass man sich einbildet, man hätte irgendeine intimere Beziehung mit ihren Autoren; dabei hat man sie im Leben nie getroffen. [d.] Dass Text (Text!) noch einmal so groß, cool und von Jungunternehmern belauert werden würde, hat man auch nicht gedacht. [e.] Man lebt gerne in Städten, in denen es gute Kinos gibt, auch wenn man kaum noch ausgeht. So ungefähr ist es mit den Weblogs auch: Beruhigend, dass da draußen noch so viel los ist. Und nicht nur Spiegel Online spricht. [f.] Früher hatten die Archive Schwellen. Jetzt bleibt alles im Netz, alles. Wer weiß, wozu man das noch einmal brauchen kann? [g.] Illusionen muss man sich auch keine mehr machen. Alles, restlos alles wird kleiner geschrieben. Das ist gut. [h.] Ziemlich grandios, wie viel Technik, Code, Glasfaserkabel und Wörter verlegt werden müssen, damit man drei oder vier gute Freunde findet. [i.] Serendipität. Finden, ohne dass man gesucht hätte. Jeden Tag. [j.] Die Strategien, Zeit zu verbringen, waren vor Weblogs oft sehr viel öder. [k.] Das Emotionale an Texten. Dass significant others *eifersüchtig* auf das Weblog sein können - eifersüchtig auf ein Internet-Tagebuch!



2) Was ist das Spezielle an der deutschsprachigen Blogosphäre?

[a] Leute, die in Einzimmerwohnungen herumbrüllen, als müssten Sie Hallen bis in die hinterste Reihe beschallen. [b] Wiederholung der Feuilleton-Debatten-Kultur: zähe Grabenkriege, böse Verletzungen, manische Rechthabereien über das Selbstbild und die Feinde, man könnte meinen, es ginge um das Deutschlandgefühl; ich glaube, man nennt das auch Autoreferentialität. [c] Unverständliche Formatierungsbedürfnisse - wollte man das nicht loswerden? [d] Ehe wir den Journalismus besiegen, müssen wir so lange sagen, dass der Journalismus scheisse ist, bis wir zu erschöpft sind, etwas Eigenes zu machen, oder vergessen haben, was wir eigentlich machen wollten. [e] Und : Ziemlich viele grandiose gesellschaftlich isolierte Sonderlinge, die ihren Act machen, seit Jahr und Tag.



3) Wie könnten Blogs zu einem Wirtschaftsfaktor werden?

Erstens: Sie sind es doch schon. Da ist viel Venture-Kapital unterwegs. Und ein paar Leute haben Jobs bekommen, sogar welche mit Mission. Zweitens: Sie sind es doch schon. Den corporate media springen doch jede Menge Leser ab. Zu viele jedenfalls, tendenziell. Was andererseits dem Blogger-Arbeits-Markt nützen wird. Vielleicht wären das gute Ein-Euro-Jobs. Drittens: Falls irgendjemand mal merkt, dass Leute für kein Geld so gute (oder miese) Contents produzieren wie Leute, die dafür bezahlt werden, werden Ergebnisoptimierer sicher noch einmal nachrechnen. Viertens: Mit Heimarbeit reich werden? You wish....


4) Ist Ihr Blog für Sie beruflich relevant, und wenn ja, wie?

Nein. Glücklicherweise nicht.

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wer frug denn da?

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Zu 1j) - mich hält manchmal eine ganz stupide Neugier davon ab, anstelle von Weblogs Dinge zu lesen, die ich früher gelesen hätte. Dann lese ich sogar solche Blogs, die mir gar nichts sagen, das läuft nach den gleichen Mechanismen, mit der ich ein, zwei Folgen der gleichen beliebigen Fernsehserie sehen muß, um schon nach der Fortsetzung zu fragen. Das werfe ich dem Medium - auch wenn sich das unsinnig anhört - tatsächlich vor: dass es viel zu automatisch funktioniert und darin seine Qualitäten (zum Beispiel wirklich ein Medium für alle zu sein) wieder verschleißt. Im Automatismus geht unter, was spielerisch, eigenständig, quirlig hätte sein können. Stattdessen Vorwürfe, der/die BloggerIn hätte keine sortierbaren Überschriften oder Kategorien im Sortiment.

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Roland, ich frug da.

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Begriffe zur Arbeit
Bloggen als 1-Euro-Job (womöglich noch mit fixer Arbeitszeit und Residenzpflicht, damit es alle Hartz-IVler gleich schwer haben): Es gibt sicher bessere_Ideen mit mehr Spielraum und weniger Kontrolle.

Heimarbeit: Die meisten Solo-Selbständigen, die ich kenne, arbeiten von zuhause aus, wenn die Wohnung genug Platz bietet. Stimmt, die sind alle nicht reich geworden, aber ein paar verdienen ganz ordentlich. Ich würde das nicht Heimarbeit nennen, weil das nach MLM und weiteren dubiosen Resthoffnungen klingt.

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vielen dank, praschl!
die wirtschaftsfaktorfrage hab ich natürlich sofort (vielleicht etwas einseitig) auf die aktuellen kommerzblogs und die einschlägigen bestrebungen bezogen.
zwei anmerkungen noch zu meinem lieblings-hass-thema der letzten zeit:
- in den reklameblogs steht jeder text sofort und unweigerlich in seiner reklamefunktion vor dir. das gespräch wird zum anbahnungsgespräch, das sprechen zum aufreißen. wie micro_robert mal gesagt hat: als ob dir dein kumpel am tresen plötzlich eine versicherung andrehen will.
- die kommerzialisierung dieser nische wird natürlich auch juristische folgen haben. wo bürgerlich gewirtschaftet werden soll, da werden bgb und rechtsprechung schon die geeigneten "rahmenbedingungen" schaffen. (und dann war alle bisherige abmahnerei etc. nur vorgeplänkel.)

roland: sascha lobo bzw. holm friebe fragen. es geht um das oben unter "wirtschaftsfaktor" verlinkte, vom verlag etwas vollmundig beworbene buch.

mediumflow und wirres haben ihre antworten übrigens auch ins blog gestellt.

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Friday Five jetzt neu mit Wirtschaftsfaktor.

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Reklameblogs les ich halt nicht. Warum sollte ich? Ich finde es nur bedauerlich, wenn aus "normalen" Blogs plötzlich Reklameblogs werden und so komische Mischformen entstehen, wo mir dann einer zwischen persönlichen Betrachtungen plötzlich irgendein dummes Produkt unterschieben will. Ist schon klar, dass freie Journalisten wie Don Dahlmann ihre Zeit nicht für Umme verballern können und was zu beissen brauchen. Aber dann quasi den privaten Salon kontaminieren und da plötzlich Verkaufsgespräche anfangen, das ist einfach ungeschickt. Wie man es anders machen kann, haben ja Industrial Technology & Witchcraft gezeigt. Die haben irgendwann ihre Mac-Berichterstattung professionalisiert und in ein eigenes Blog gesteckt, das dann halt kommerziell funktioniert. Aber das alte Blog, in dem die Jungs ihre Faxen treiben, gibt es nach wie vor.

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es ist tatsächlich sehr sehr unsexy dieses zwischengedöns da. da ich aber in den konkreten fällen zwei davon eigentlich gerne lese, überspring ichs halt.

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